Torgefahr auf leisen Sohlen

Neuzugang Tammo Harder im Porträt

Einen Meter und 74 Zentimeter groß, 65 Kilogramm schwer – das Gardemaß eines Stürmers ist sicherlich ein anderes. Aber Tammo Harder ist einer, der im Strafraum mit einer guten Nase seine eigenen Wege geht. Ein Schleicher. Einer, der auf leisen Sohlen in die Lücken stößt. „Ich mache aus wenigen Chancen viele Tore“, sagt Harder, der bei der KSV Holstein einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben hat.

Er sagt es in einer Weise, die glauben lässt, dass es nicht viele Dinge gibt, die den 22-Jährigen aus seiner Gelassenheit reißen. Der in Dülmen geborene Westfale ist ein ruhiger Typ mit klarem Blick, einer, der sich nach der Arbeit gerne auf die Couch legt, den Fernseher ein- und sich abschaltet. Playstation? „Spiele ich sehr gerne“, sagt Harder, „aber entspannen kann ich dabei nicht.“

Freiheitsbedürfnis

Wer ihn auf dem Trainingsplatz in Projensdorf erlebt, unterschätzt ihn schnell. Ein zierlicher Typ, der auch kein Freund großer Sprüche ist, der die Show nicht liebt. Er ist einer, der einfach nur einen Ball am Fuß haben will, um dann das zu machen, was er am besten kann – ihn ins Tor schießen. „Ich bin kein Stoßstürmer, keiner, der vorne den Ball festmacht“, sagt Harder. „Ich brauche meine Freiheiten, liebe es, mich auch einmal ins Mittelfeld fallen zu lassen.“

Torwartstürmer

Sein außergewöhnliches Talent fiel den Scouts schon auf, als er noch in der E-Jugend seines Heimatvereins Fortuna Seppenrade kickte. Die Späher von Borussia Dortmund waren begeistert von ihm, der damals auf allen Positionen zu Hause war. „Wenn bei Dortmund der Stammtorhüter ausfiel, habe ich ihn ersetzt“, sagt Harder. Ein Satz, der dazu geeignet ist, sich zum Helden zu machen. Ein Torhüter, der auch Tore schießt – das klingt nach Wunderkind. Doch Harder sagt diesen Satz einfach nur, weil er stimmt.

Juniorenmeister

In der C-Jugend endete sein Weg bei der Borussia, bei seinem Verein, für den er schon als kleiner Junge schwärmte. Harder, der hier unter anderem an der Seite von Marvin Ducksch (inzwischen FC St. Pauli) seine Karriere begann, wechselte in den Nachwuchsbereich des Erzrivalen Schalke 04, besuchte dort unter anderem mit Max Meier, der bei den Knappen zum A-Nationalspieler reifte, die Schule. Kein Wunder, dass Harder sich auch deshalb besonders auf das Freundschaftsspiel am 22. Juli (17.30 Uhr/Holstein-Stadion) gegen den Bundesligisten freut. Für die A-Jugend der Schalker erzielte Harder in 53 Pflichtspielen 30 Tore, wurde mit ihr unter anderem in der Saison 2011/12 deutscher Meister.  

U-Nationalspieler

Dortmund, Schalke, Dortmund – nach der Jugend, in der er es unter anderem zum U20-Nationalspieler brachte, kehrte Harder zu den Borussen zurück. „Mir wurde dort eine bessere Anbindung zur Liga-Mannschaft angeboten“, sagt Harder, der fortan mit den Stars trainierte. Besonders Sebastian Kehl und Sven Bender kümmerten sich herzlich um den Neuen, der auch in Trainer Jürgen Klopp („Der war cool drauf“) einen Fürsprecher fand. Im seinem ersten BVB-Jahr gelang ihm bei einem Punktspiel gegen den SC Freiburg sogar einmal der Sprung in den Kader. „Leider bin ich nicht zum Einsatz gekommen“, sagt Harder, der weiter davon träumt, eines Tages in der Bundesliga zu spielen. „Es führen immer mehrere Wege zum Ziel.“

Weggetuchelt

Der beim BVB endete auch, weil Thomas Tuchel die Nachfolge für den zum FC Liverpool gewechselten Klopp antrat. Hatte er zuvor noch die Stars ins Trainingslager begleiten dürfen, fand er sich nun im Regionalliga-Kader des achtmaligen deutschen Meisters wieder. Harder blieb aufgrund seiner außergewöhnlichen Qualitäten – auch wenn er nur in der vierthöchsten deutschen Spielklasse kickte – auf den Wunschlisten zahlreicher Vereine. Auch auf der von Kiels Cheftrainer Karsten Neitzel. „Wir stehen schon lange im Kontakt“, sagt Harder, „immer in den Transferperioden hat er sich bei mir gemeldet. Und jetzt hat es einfach gepasst“.

Weggefährten

Auch einige Zweitligisten hatten bei ihm angefragt, doch in Kiel überzeugte ihn die Perspektive und die Gewissheit, vom Trainer gebraucht zu werden. Zudem erwarteten ihn bei den Störchen ehemalige Weggefährten wie Evans Nyarko (Dortmund) und Bernd Schipmann (Schalke). Für einen wie ihn, der Familie, Ruhe und ein harmonisches Umfeld liebt, wichtige Faktoren. „Mir gefällt auch die Spielweise, die kommt mir sehr entgegen.“ In der vergangenen Saison, die für die KSV auf dem 14. Platz endete, hatte das Neitzel-Team in vielen Statistiken Spitzenwerte. Ballbesitz, Flanken/Pässe in den Strafraum, Stabilität in der letzten Kette – doch in der Verwertung der Chancen ließen die Störche viele Wünsche offen. Mit Harder soll sich das ändern. „Er hat bewiesen, dass er das kann“, sagt Neitzel und verweist auf beeindruckende Zahlen, die Harder in der vorvergangenen Drittliga-Saison mit dem BVB abgeliefert hat: Zehn Vorlagen, 13 Tore.

Beinfreiheit

Kiel ist für Harder auch in privater Hinsicht ein Neuanfang. „Ich werde zum ersten Mal alleine leben“, sagt er, der aus praktischen Gründen sein Elternhaus bis dato nicht verlassen hat. „Die Wege zum Training waren kurz, und ich konnte so ein bisschen Geld sparen.“ Doch beunruhigend findet er die neue Situation nicht. „Es wird Zeit, dass ich auf eigenen Beinen stehe.“

Kochgemeinschaft

Kochen? Nudeln und Rührei auf Toast traue er sich schon zu. „Ich suche mir eine Wohnung in der Nähe von Evans, dann können wir vielleicht auch einmal zusammen kochen.“ In der Mannschaft, das spürte Harder schon nach wenigen Trainingseinheiten, ist er längst angekommen. „Das habe ich mir schwerer vorgestellt. Aber die Jungs sind alle super nett, haben es mir extrem leicht gemacht, ein Teil des Teams zu werden.“ Um als Fußballer Karriere zu machen, das weiß Harder, muss im richtigen Moment alles stimmen. Seine Hoffnung ist, dass sich das in Kiel für ihn fügen wird.

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