Storch und Bundesadler

Aaron Seydel spricht über Tokio, Spinnen, Musik & Ghana

Aaron Seidel im DFB-Pokalspiel in Mainz

In Langen (bei Frankfurt) geboren, in der Jugend des 1. FSV Mainz 05 zum Profi geworden, beim Bundesligisten bis Juni 2021 unter Vertrag: Um Spielpraxis zu sammeln, ließ sich Aaron Seydel im August für eine Saison an die KSV Holstein ausleihen und passte mit seiner Spielweise, aber auch seiner offenen, sympathischen Art, sofort zu den Störchen. 1,99 Meter lang, Schuhgröße 46,5, aber erst 21 Jahre alt – Seydel spricht im Buchstabenporträt über seine Wurzeln, Pausenhöfe und Musik.

DFB: Gerade erst sorgte Holstein-Youngster Noah Awuku bei der U17-WM in Indien für Aufsehen, da kommt auch schon der nächste Storch zu der Ehre, das DFB-Trikot tragen zu dürfen. Angreifer Aaron Seydel wurde erstmals für die beiden EM-Qualifikationsspiele der U21 nominiert. Für seine Leistungen wurde der 1,99 Meter lange Angreifer nun mit einer erneuten Berufung zu den DFB-Junioren belohnt. Seydel bestritt bereits für die U19 (1 Spiel), U18 (3/1 Tor), U16 (1) und U15 (2) Deutschlands Einsätze. Nun folgt zu seiner ersten Nominierung möglicherweise auch der erste Einsatz für die U21. Die Mannschaft von Trainer Stefan Kuntz trifft sich am Montag, 6. November, in Frankfurt, wo abends noch eine Trainingseinheit stattfindet. Nach einer weiteren Einheit am Dienstagmorgen reist der amtierende U 21-Europameister dann nach Baku ab, wo am Donnerstag, den 9. November, das erste EM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan (15 Uhr MEZ) stattfindet. Am Dienstag, den 14. November, wartet in Ramat Gan dann Israel (17.30 Uhr MEZ) zum zweiten Spiel. Die DFB-Junioren stehen in der Gruppe 5 mit zwei Siegen und einer Niederlage auf Rang zwei hinter Tabellenführer Irland. Aserbaidschan hat seine bisherigen drei Qualifikations-Spiele verloren, Israel steht mit vier Punkten auf dem vorletzten Rang.

Amerika: Ich bin schon einige Male dort gewesen, mir gefällt die Lebensweise. Die Menschen sind sehr offen, die Mentalität ist entspannter als in Europa. Es geht einfach viel mehr ab in Amerika, ich hatte dort immer großen Spaß. Städte wie Los Angeles oder San Francisco sind beeindruckend. Ich sehe aber auch die Auswüchse des Kapitalismus kritisch, die in Amerika besonders gut zu erkennen sind. Aber es steht mir nicht zu, dies zu verdammen.

Angst: Es mag sich platt anhören, aber ich bemühe mich ganz bewusst, meinen Ängsten zu begegnen. Konkret kann ich die nicht benennen, oft sind sie auch situationsbedingt. Aber ich weiß, dass ich daran wachse, wenn ich sie besiege. Deshalb mache ich bewusst Dinge, die ich eigentlich eher unbehaglich finde, damit es mir beim nächsten Mal, wenn ich in die gleiche Lage komme, einfacher fällt.

Reis: Ich schätze grundsätzlich afrikanisches Essen, auch, weil ich davon so viel essen kann. In Ghana werden die meisten Mahlzeiten mit Reis und ganz leckeren Saucen gemacht. In Accra, der Hauptstadt, lebt auch heute noch ein Großteil meiner Familie. Meine Oma und meine Uroma beispielsweise, aber auch einige Cousins und Cousinen. Ich besuche sie, wann immer es passt. Sie verfolgen alle von Accra aus aufmerksam mit, wie meine Karriere verläuft. Mein Vater ist Ghanaer, meine Mutter Deutsche. Ich habe einen Bruder, der die ersten Lebensjahre in Ghana aufgewachsen ist, jetzt allerdings bei meinem Vater in Frankfurt lebt.

Oppenheim: In Oppenheim habe ich einen Teil meiner Schulzeit verbracht, der FSV 1945 war mein erster Verein. Ich habe als Achtjähriger dort angefangen und gute Anleitungen für meine Karriere bekommen. Ich habe schon damals zu den Größeren im Team gehört und viele Positionen ausprobiert. In den Sturm wechselte ich erst in Mainz, in Oppenheim war ich unter anderem Verteidiger. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in der Schule morgens immer als Erster mit dem Hausmeister auf den Pausenhof gegangen bin, weil ich dort kicken wollte. Ich weiß im Rückblick nicht mehr, wie ich das geschafft habe, bin ich doch nicht unbedingt ein Frühaufsteher und auch keiner, der schon lange vor einem verabredeten Termin erscheint. Ich bin zwar immer pünktlich, aber doch eher ein Typ, der zumeist auf den letzten Drücker kommt. Offenbar wollte ich schon als kleiner Junge unbedingt Fußball spielen! Als ich 14, 15 Jahre alt war, entstand der Wunsch, Profi zu werden. Und nach den ersten Trainingseinheiten mit den Profis habe ich daran geglaubt, dass es tatsächlich klappen kann.

Niederlage: Entscheidend ist, wie man als Sportler mit Niederlagen umgeht. Persönlich, und, wenn es wie im Fußball eine Mannschaftssportart ist, auch als gesamtes Team. Im richtigen Umgang mit solchen Negativerlebnissen liegt eine große Chance auf Weiterentwicklung. Es bringt nichts, Siege oder Niederlagen allein auf sich zu beziehen. Das Geschäft ist nicht immer schön, aber es sollte trotzdem der Spaß im Vordergrund stehen. In der vergangenen Saison boten sich mir relativ viele Gelegenheiten, aus Niederlagen zu lernen. Wir waren mit Mainz II in der Dritten Liga zwar oft das bessere Team, aber wir haben trotzdem meistens verloren und sind am Ende abgestiegen.

Selbstkritik: Nach der Kritik des Trainers die wichtigste Form der Aufarbeitung. Jeder Mensch neigt dazu, sich zu belügen. Ich fordere mich selbst immer wieder dazu heraus, hart mit mir ins Gericht zu gehen. Da beziehe ich auch keine weiteren Personen mit ein, das mache ich mit mir ganz alleine aus. Strand – das hätte auch ein „S“ werden können. Strände mag ich. Grundsätzlich sind Strände mit höheren Temperaturen eher mein Fall, aber die in Kiel gefallen mir auch. Und für die norddeutschen Temperaturen können sich ja nichts…

Ekel: Es gibt nicht viele Dinge, die ich richtig eklig finde. Aber Spinnen gehören auf jeden Fall dazu.

Yen: Meine Mutter wollte unbedingt einmal Tokio sehen, also habe ich sie im Sommer zwei Wochen lang in die japanische Hauptstadt begleitet. Es war ein Traum von ihr, sie wollte schon immer einmal nach Tokio. Und tatsächlich ist es eine tolle, verrückte Stadt. Ich finde die Mode der Menschen auf den Straßen sehr cool und individuell. Da trägt jeder was er möchte, aber auf sehr authentische Art. Wir haben von Japan nicht mehr als Tokio gesehen, aber zwei Wochen sind schon dafür zu wenig. Auch das japanische Essen hat es mir angetan, nicht die verdeutschte Variante, sondern das Original.

Demut: Es ist wichtig, gerade im Erfolgsfall entspannt zu bleiben, die Dinge nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, demütig zu bleiben. Wer sich für ein Leben als Fußballprofi entscheidet, muss viel investieren.

Essen: Wie gesagt, ich esse gerne und beschäftigte mich auch damit, weil ich leistungsfähig bleiben will. Wenn ich einmal am Herd stehe, koche ich ganz gerne, aber ich finde, dass Aufwand und Ertrag nicht wirklich zusammenpassen. Ich bin eher der Typ, der mit der Familie und/oder Freunden in ein Restaurant geht. Und da ist mir die Herkunft der Gerichte fast egal, ich experimentiere gerne, DIE Lieblingsspeise habe ich nicht. Ich genieße das Essen. Wenn es, wie nach dem Training nur um Zweckmäßigkeit geht, kann es bei mir auch ganz schnell gehen.

Lieder: Ich höre den ganzen Tag Musik, von morgens bis abends. Ich bin mit Hiphop aufgewachsen und stelle mir meine Musik selbst zusammen, da ist dann auch viel Experimentelles dabei, Musik unterschiedlicher Genres, die ineinander übergehen. Popmusik ist nicht meine Welt und Radio finde ich ganz schlimm. Ein Musikritual vor dem Spiel habe ich nicht, aber wir haben als Mannschaft unsere Playlist, für die Dome und Amara (Dominik Schmidt und Amara Condé, d. Red.) verantwortlich sind. Die machen das super. Tipps von mir braucht er nicht…

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