Der „Fußball-Gott“ und die Fans

Patrick Herrmann spricht über seine Rolle auf dem Feld und das über die Jahre gewachsene Verhältnis zwischen der KSV und ihren Anhängern 

Patrick Herrmann schloss sich im Sommer 2011 der KSV Holstein an und erlebte den Aufstieg aus der Viertklassigkeit in die 2. Bundesliga hautnah mit. Der Rechtsverteidiger wird wegen seiner ehrlichen Art auf und neben dem Feld von den Fans längst als „Fußballgott“ abgefeiert. Wer könnte in einem Interview, das die Fans der Störche als Thema hat, also der geeignetste Ansprechpartner sein? Natürlich Patrick Herrmann. 
 
Kannst Du Dich noch an Dein erstes Spiel für die KSV erinnern?
Klar, das war das Heimspiel gegen Energie Cottbus in der ersten Runde des DFB-Pokals. Wahrscheinlich auch, weil ich in dem Spiel getroffen habe (Patrick Herrmann erzielte das Tor zum 3:0-Endstand im Juli 2011, d. Red.). Ich hatte vorher mit dem VfL Osnabrück schon einmal im Holstein-Stadion gespielt, da war der Platz noch der reinste Sumpf und auf der Westtribüne haben gefühlt lediglich 20, 30 Fans die KSV angefeuert. 

Tor ist ein gutes Stichwort. Weißt Du noch, wann Du Dein letztes Tor geschossen hast? 
Genau nicht, aber es muss zu Regionalligazeiten gegen Hannover 96 II oder den BSV Rehden gewesen sein. Oder in einem Freundschaftsspiel gegen Flensburg 08, das wir auf Kunstrasen ausgetragen haben. 

Es hört sich so an, als würde das Toreschießen bei Dir nicht ganz oben auf der Agenda stehen…
…steht es auch nicht. Ich weiß noch, dass ich im Endspiel um den SHFV-Pokal gegen Weiche Flensburg (14:13 nach Elfmeterschießen, Mai 2014, d. Red.) einen Elfmeter verwandelt habe. Und daran, dass ich zwar nicht zu den fünf Schützen gehörte, die anfangs ausgewählt worden waren. Aber ich war auch nicht der letzte Kieler, der sich dann den Ball geschnappt hat. Meine einzige Variante, unten rechts in die Ecke, hatte sich damals zum Glück noch nicht bis nach Flensburg herumgesprochen (lacht). 
 
Wenn es jetzt einen Strafstoß für die KSV im Holstein-Stadion gibt, fordern die Fans Dich hartnäckig als Schützen…
…das höre ich auch. Ich weiß auch, dass die Mannschaft immer wieder darüber diskutiert, mir einen Elfmeter zu schenken. Natürlich erst dann, wenn das Spiel zu diesem Zeitpunkt auch schon entschieden ist. Aber das will ich gar nicht. Mein Ziel ist, hinten die Tore zu verhindern, treffen können dann gerne meine Kollegen. Für mich ist es wichtiger, das wir das Spiel gewonnen haben. Wenn ich allerdings eines Tages mal treffen sollte….
 
…dann…
…weiß ich, dass wir bestimmt ein neues Stadion brauchen werden, weil die Fans diesem Moment entgegenfiebern (lacht)!   
 
Die Fans lieben Dich auch ohne Tor. Wie geht es Dir damit, bei jedem Heimspiel von ihnen als „Fußballgott“ empfangen zu werden?
Ich freue mich darüber. Meine Lebenseinstellung ist die, dass ich etwas gebe und dafür auch immer etwas zurückbekomme. Das ist in meinem Verhältnis zu den Fans auch so, ich investiere in jedem Spiel alles was ich habe, und das wird von ihnen ganz offensichtlich anerkannt. 
 
Hat sich Deine Wahrnehmung auch abseits des Spielfeldes verändert?
Ja, anfangs wurde ich höchstens einmal im Monat auf der Straße angesprochen, jetzt ist das schon eine ganz andere Hausnummer. Kiel, das ist zu spüren, ist eine Sportstadt. Auch wir Fußballer werden mittlerweile erkannt, aber meistens wird respektiert, dass auch wir ein Privatleben haben. Wenn ich abends allein ins Kino gehe, habe ich natürlich kein Problem damit, auch mal ein Foto mit einem Fan zu machen. Anders ist es, wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin, da möchte ich dann schon gerne in Ruhe gelassen werden. Aber das passiert in der Regel ja auch.  
 
Hat sich auch die Wahrnehmung der KSV in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, eindeutig. Als ich nach Kiel gekommen bin, hatte der Verein nicht den allerbesten Ruf. Zwar waren die sportlichen Rahmenbedingungen auch damals schon gut, aber Holstein Kiel galt als Klub, der sich den Erfolg erkaufen wollte. Und ich kann mich noch gut an einen 6:0-Sieg gegen Hertha BSC II erinnern, als die Zuschauer auf der Haupttribüne pfiffen, weil wir nicht alles daran setzten, ein siebtes und achtes Tor zu erzielen.
 
In Dresden haben wieder einmal mehr als 600 Fans die KSV begleitet, ist auch das ein neues Phänomen?
Ich kann mich noch gut an ein Auswärtsspiel in Plauen erinnern, da fuhren wir eine Stunde lang über eine Landstraße, wurden auf dem Weg vom Feld in die Kabine von den heimischen Fans übel beschimpft und aus Kiel war kaum einer mitgekommen. Ach ja, wir verloren auch noch mit 0:2. Ja, die Wahrnehmung hat sich seitdem stark geändert.
 
Gab es Deiner Meinung nach Schlüsselerlebnisse für die Fans?
Schon unsere Erfolge im DFB-Pokal in der Saison 2011/12, als wir erst im Viertelfinale an Borussia Dortmund gescheitert sind, haben einen neuen Impuls gegeben. In diesen Spielen waren wir nicht der Favorit, sondern der Außenseiter, der den großen Vereinen erfolgreich die Stirn geboten hat. Ein kleines Dorf gegen den Rest der Welt – das hat auch die Fans erwärmt. Mit dieser Pokalsaison fing alles an, glaube ich. 
 
Da passte es ja gut, dass die KSV in der folgenden Saison in die 3. Liga aufstieg...
...das stimmt, zumal wir auch in dieser Saison Höhen und Tiefen erlebten, wie den Punktabzug am Ende, der uns fast noch die Meisterschaft gekostet hätte. Und die Relegationsspiele gegen Hessen Kassel waren natürlich ein besonderes Erlebnis. Für die Fans, aber natürlich auch für mich. Ich war damals nach Kiel gekommen, weil ich daran geglaubt habe, dass dieser Verein eines Tages in der 2. Fußball-Bundesliga spielen wird. Und ich hielt es auch nicht für utopisch, dass wir irgendwann einmal gegen den 1. FC Nürnberg, Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf in einem Punktspiel antreten.
 
Wie hast Du die Fans in den drei Drittliga-Jahren erlebt? 
Mannschaft und Fans sind immer mehr zu einer Einheit zusammengewachsen. Sie haben auch an uns geglaubt, als wir in der Saison 2013/14 einmal 13 Spiele in Folge nicht gewinnen konnten und erst am letzten Spieltag (3:1-Sieg beim SV Darmstadt 98) den Klassenerhalt geschafft haben. Im Rückblick war für unser gutes Verhältnis vielleicht sogar die verlorene Relegation gegen 1860 München (0:0, 1:2 in der Saison 2014/15, d. Red.) wichtig, als uns nur zwei Minuten zum Aufstieg fehlten. Die Fans haben ein Gespür dafür entwickelt, dass wir uns alle Erfolge sehr hart erarbeiten müssen. Wir haben dieses Gefühl, das große Ziel am Ende verpasst zu haben, gemeinsam durchlitten – das verbindet.
 
Welche Auswirkungen hatte der Aufstieg, als er dann im zweiten Anlauf doch noch klappte?
Aus meiner Sicht war das ein großer Schritt auf ein ganz neues Level. Vorher gab es in der Stadt eigentlich nur den THW Kiel, jetzt gibt es zwei große Vereine, die sich dabei aber kein Wettrennen liefern, sondern respektvoll nebeneinander stehen können. Holstein Kiel ist inzwischen auch national in aller Munde und hat das Potenzial, noch weiter zu wachsen. Wir nehmen wahr, dass bei unseren Heimspielen auch dann nicht mehr gepfiffen wird, wenn wir zurückliegen. Im Gegenteil, die Fans feuern uns dann sogar noch stärker an. Und bei den Auswärtsspielen ist es ein tolles Gefühl, beim Einlaufen von so vielen Fans empfangen zu werden. Die ständig wachsende Zahl derer, die mit uns auf Reisen gehen, zeigt mir, dass unsere Art des Fußballs von ihnen honoriert wird. 
 
Spürst Du jetzt, wo die KSV auch am Saisonende noch auf einem Spitzenplatz in der 2. Liga steht, eine gesteigerte Erwartungshaltung der Fans? 
Ich kenne natürlich den einen oder anderen, der nach jedem Spieltag rechnet. Aber Druck auf uns? Nein. Sie gehen mit der Situation toll um, erwarten nichts, freuen sich wie wir über diese Saison und genießen sie. 
 
In der laufenden Saison wurden drei Kieler Ultra-Gruppierungen die Fahnen geklaut, was hast Du davon mitbekommen? 
Wir alle in der Mannschaft wissen natürlich, was passiert ist. Auch, dass die Gruppierungen sich nach einem solchen Fahnenklau auflösen müssen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass das eine Welt ist, die wir Fußballer nicht wirklich verstehen. Ich wünsche mir aber, dass die Fans noch stärker zurückkommen werden und auch wieder die Kraft für Choreographien finden. Da waren tolle Sachen dabei, so wie beispielsweise der Fördedampfer auf der Westtribüne in unserem Pokalspiel gegen VfB Stuttgart (August 2015, d. Red.). Ich schaue mir die Choreos unserer Fans gerne an und freue mich auf neue!

 

 

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