Ohne Musik geht es nicht

Amara Condé über seine afrikanischen Wurzeln und die Familie

Amara Condé im Spiel gegen Regensburg

Der Mann mit dem eingerasteten Lachen – Amara Condé hat immer gute Laune. Und auch der Mittelfußbruch, den er sich ausgerechnet bei seinem Startelfdebüt auf dem Betzenberg zuzog, wird den 21-jährigen Mittelfeldspieler nicht aus der Bahn werfen. Im Buchstabenporträt spricht Condé unter anderem darüber, wie es schwer es ihm fiel, als 15-Jähriger für den Fußball seine Familie zu verlassen. 

Afrika: Einer meiner größten Träume ist es, nach Afrika zu fliegen. Obwohl ich in Deutschland geboren bin, liegt hier mein Ursprung, meine Familie kommt aus Guinea. Ich habe auch Familie dort, die ich zum Teil noch nicht kennengelernt habe und endlich treffen möchte. Bisher hatte ich zeitlich und finanziell nicht die Möglichkeiten, dorthin zu fliegen. Aber ich bin ja auch erst 21. Ich habe zwei kleine Brüder, 13 und 11. Mein kleinster Bruder war vor einigen Jahren in Afrika. Was er von dem Kontinent erzählt, fasziniert mich. Besonders die Natur möchte ich gerne bald einmal erleben.

Musik: Meine Kultur ist stark mit Musik verwurzelt und das bin ich auch. Ich liebe Musik. In der Kabine bin ich der DJ, ich singe mit, wann immer es geht - auch wenn das bei meinem Talent nicht alle freut. Früher habe ich Klavier gespielt, in der Schule hatte ich Auftritte mit der afrikanischen Trommel. Obwohl ich offen für jede Musikrichtung bin, höre ich besonders gerne afrikanische Musik und Black. Egal, was ich mache, Musik ist immer dabei. Ohne könnte ich nicht.

Abschied: Ich bin ein extremer Familien-Mensch. Deshalb war es auch sehr schwierig für mich, im Alter von 15 Jahren meine Familie zu verlassen und nach Wolfsburg zu ziehen. Ich wurde aus meinem gewohnten Umfeld herausgerissen und habe mit zunächst wildfremden Menschen zusammen in einem Internat gewohnt. Weil ich aus Bergisch-Gladbach komme, habe ich erst bei Bayer Leverkusen gespielt. Dann bin ich nach Wolfsburg gewechselt. Der Abschied war schlimm, vor allem von meiner Mama. Ich war schon immer ein Mama-Kind. Meine Familie konnte ich in dieser Zeit nicht oft sehen, die Wege waren weit und meine Eltern hatten wenig Zeit. Inzwischen kommen sie fast jedes Wochenende zu unseren Spielen und schauen mir zu. Danach unternehmen wir immer noch etwas zusammen, gehen essen und genießen die gemeinsame Zeit. 

Respekt: In der Vergangenheit bin ich oft mit respektlosem Umgang konfrontiert worden. Meine Eltern kamen kurz vor meiner Geburt nach Deutschland, sind nach Freiberg (in Sachsen, Nähe Dresden, d. Red.) gezogen. Damals war der Fremdenhass im Osten noch schlimmer. Besonders meine Eltern haben darunter gelitten, aber selbst ich als Vierjähriger wurde schon im Kindergarten und auf der Straße mit rassistischen Aussagen konfrontiert. Deshalb sind wir früh nach Bergisch-Gladbach gezogen. Da war es besser, aber auch die Grundschule war schwierig. Erst später, als ich mein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, hat sich die Situation entspannt. Hier in Kiel habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Eins habe ich aber gelernt: Ich behandle alle mit Respekt und ohne Vorurteile – so wie ich mir wünsche, behandelt zu werden. Das ist eines der wichtigsten Dinge im Leben, dass alle ebenbürtig miteinander umgehen.

Abitur: 2015 habe ich mein Abitur gemacht. Eigentlich waren meine Eltern schuld daran. Sie haben mir immer wieder gesagt haben, wie wichtig es für mich ist, eine Absicherung und einen Plan B zu haben. Mit der Fußballkarriere lief alles gut, deshalb habe ich damals die Notwendigkeit nicht gesehen. Jetzt im Nachhinein bin ich sehr froh, dass mich meine Eltern praktisch dazu gezwungen haben, die Hochschulreife abzuschließen. Natürlich war es eine sehr stressige Zeit, weil ich nebenbei bei Wolfsburg in der U19 gespielt habe und auch mit den Nationalmannschaften der U17, U19 und U20 internationale Turniere gespielt habe. Ich kann jetzt aber verstehen, warum es meinen Eltern so wichtig war, dass ich das Abi mache. Wenn man bedenkt, wie viele Spieler ihre Profikarriere wegen einer Verletzung an den Nagel hängen müssen, kann ich nur an jeden Fußballprofi appellieren, einen vernünftigen Abschluss zu machen. Später kann ich mir vorstellen, zu studieren – etwas in Richtung Wirtschaft oder Sportmanagement. Aber das hat noch Zeit, jetzt konzentriere ich mich erst mal vollkommen auf den Fußball.

Chili: Ich liebe Chili. In der afrikanischen Küche wird viel scharf gekocht. Seit ich klein bin habe ich kaum etwas gegessen, das nicht scharf und mit viel Chili zubereitet ist. Wenn ich koche, hole ich mir beim Afro-Shop Chilischoten. Meine Mama hat mir gezeigt, wie man daraus eine Chili-Sauce zubereitet. Zum Glück kann man dabei die Schärfe variieren, ich vertrage lange nicht so viel davon wie meine Eltern. Die Sauce esse ich zu fast allen Gerichten.

Optimismus: Wäre ich Pessimist, hätte ich viele der Dinge, die ich in meinem Leben erreicht habe, nicht geschafft. Alleine die Geschichte meiner Eltern – wie sie es geschafft haben, nach Deutschland zu kommen und hier Fuß zu fassen, lässt mich daran glauben, dass alles möglich ist. Mein Papa hatte trotz Doktortitel große Schwierigkeiten, in Deutschland einen vernünftigen Job zu finden. Sie hatten es viel schwerer als ich und haben es trotzdem geschafft. Dagegen stehen mir so viele Möglichkeiten offen. Auch in meiner Fußballkarriere habe ich von meinem Optimismus schon profitiert: Als ich von Leverkusen nach Wolfsburg wechselte, wurde schlecht über mich geredet, um mir das Leben schwer zu machen. Das Schlimme war, dass alle Geschichten erfunden gewesen sind. Ich befand mich in einer der aussichtslosesten Situationen in meinem Leben, aber habe den ganzen Sommer gekämpft und nicht aufgegeben. Am Ende hat geklappt, was ich mir vorgenommen hatte. Das hat mich in meiner Einstellung bestärkt. Optimismus bleibt eines meiner Grundprinzipien.

Natur: Alles, was mit Natur zu tun hat, fasziniert mich. Ob Tiere oder Landschaften – schon als kleines Kind war ich davon begeistert. Ab und zu schaue ich mir auch Naturdokus im Internet an. In den Urlaub würde ich deshalb auch sehr gerne in die skandinavischen Länder reisen, die Natur dort muss atemberaubend sein. Hier in Kiel habe ich noch nicht viel Natur erlebt, aber wenn meine Eltern da sind, fahren wir oft etwas raus. Das, was ich gesehen habe, hat mich beeindruckt. Verglichen mit Köln oder Wolfsburg gibt es hier viel mehr, vor allem den Strand. Im Sommer hatten meine Eltern eine Ferienwohnung direkt am Wasser. Das haben wir alle sehr genossen. 

Dribbeln: Als ich mit dem Fußballspielen angefangen habe, war ich Abwehrspieler und habe die Bälle simpel nach vorne gespielt. Dann gab es ein Spiel, bei dem ich mir ein Herz gefasst habe und einfach losgedribbelt bin. Seitdem macht mir nichts mehr Spaß, als einen Gegenspieler aussteigen zu lassen. Für dieses Gefühl, den Gegner geschlagen zu haben, liebe ich den Fußball. Wenn man mich fragt, was ich beim Spielen am liebsten mache, sind das zwei Dinge: Tore schießen und dribbeln. 

Ehrgeiz: Ehrgeiz hat mich gemeinsam mit meinem Optimismus dahin gebracht, wo ich heute stehe. Egal, wie schwer mir etwas gefallen ist, ich habe mir immer gesagt: „Ich schaffe das, solange ich nur hart genug dafür arbeite.“ Wenn ich vor einem Problem stehe, schaue ich auf meinen Papa und wie er alle Herausforderungen in seinem Leben gemeistert hat. Er ist mein großes Vorbild. Mich weiterzuentwickeln und meine Ziele zu erreichen, motiviert mich dazu, bei allem 150% zu geben.  Ich habe gelernt, dass nichts vom Himmel gefallen kommt. Für alles, was ich erreicht habe, habe ich hart gearbeitet. 

 

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