Freude, Demut, Überzeugung

Holstein-Trainer Markus Anfang im Interview zum Saisonstart

KSV-Trainer Markus Anfang vor dem Saisonstart.

Markus Anfang heuerte im August vergangenen Jahres mit Tom Cichon bei der KSV Holstein an und führte die Störche auch dank einer Serie von zuletzt zwölf Punktspielen ohne Niederlage als Zweiter hinter dem MSV Duisburg direkt in die Zweite Bundesliga. Vor dem Start gegen den SV Sandhausen sprach der Cheftrainer der Störche über seine Erwartungen an die Mannschaft, den Verein, dessen Umfeld, die Fans. Er fand in seinen Antworten immer wieder zu den Begriffen „Freude“, „Demut“ und „Überzeugung“ zurück.

Markus, was erwartet uns in der 2. Liga?

Markus Anfang: Die Aufmerksamkeit wird deutlich steigen, das haben wir ja auch schon am Ende der vergangenen Saison gemerkt, als wir uns in der Spitzengruppe festgespielt hatten und ein Aufstieg zunehmend eine realistische Option wurde. Das Interesse der Medien wird deutlich steigen, die Stadien sind alle toll, die Kulissen groß, die Gegner namhaft, es wird ab jetzt für uns nur noch Top-Spiele geben – die 2. Liga ist eine großartige Bühne, auf der wir uns jetzt präsentieren dürfen.

Und in sportlicher Hinsicht?

Markus Anfang: Die Qualität der Gegner wird deutlich höher sein als die in der Dritten Liga. Hier sind Spieler unterwegs, die zwischen der 3. und der 2. Liga pendeln, in der 2. Liga haben die Spieler teilweise auch schon in der Bundesliga gespielt. Die Kader sind insgesamt stärker als die unserer Gegner in der vergangenen Saison. Und das Gros der Spieler hat sich bereits an die größeren Rahmenbedingungen gewöhnt. Unter anderem an den höheren Druck – auch das könnte ein Vorteil sein. Wir werden der Zweitligist mit dem geringsten Etat sein, die anderen Vereine haben teilweise deutlich mehr Geld (Beispiel: Holstein 6,1 Millionen Euro TV-Geld, Ingolstadt Spitzenreiter mit 16 Millionen, d. Red.), das sie in ihren Kader investieren können.

Was spricht dann für die KSV?

Markus Anfang: Wir haben eine Mannschaft, das ist unser großes Plus. Die Jungs haben in der vergangenen Saison erlebt, dass sie nur gemeinsam erfolgreich sein können. Das ist eine wichtige Erfahrung! Es lief anfangs nicht alles rund, wir hatten einige Misserfolge. In vielen Spielen, die wir überlegen gestaltet haben, waren wir nicht in der Lage, die drei Punkte zu gewinnen. Oft war es dann nur einer. Aber die Mannschaft hat einen Prozess durchlaufen, ist gewachsen. Und ich wünsche mir, dass sie diese gute Entwicklung in der 2. Liga fortsetzt.

Was muss die Mannschaft dabei beachten?

Markus Anfang: Wir werden die Spiele nicht dank unserer individuellen Qualitäten gewinnen. Wir haben nur eine Chance, wenn alle erst einmal ihre Aufgaben für die Mannschaft erfüllen. So wie in der vergangenen Saison, da haben wir sehr gut gegen den Ball gearbeitet, was sich in unserer geringen Anzahl an Gegentoren widerspiegelt. Außerdem waren unsere Tore gleich auf mehrere Spieler verteilt, den einen Top-Scorer hatten wir nicht – für mich klare Indizien dafür, dass sich alle in den Dienst der Mannschaft gestellt haben.

Kann es rückblickend sogar ein Vorteil gewesen sein, dass die Mannschaft sich erst am Ende der Saison gefunden und nicht gleich von Beginn an die Liga gerockt hat?

Markus Anfang: Ich glaube schon. Die Mannschaft hat auf jeden Fall die Erkenntnis gewonnen, dass sie aus Rückschlägen lernen und Positives daraus ziehen kann. Sie hat Stress-Situationen erlebt, das ist für eine Entwicklung wichtig. Auch in dieser Saison wird es Rückschläge und Enttäuschungen geben, aber ich erhoffe mir, dass die Mannschaft damit genauso gut umgeht wie mit denen in der vergangenen Saison.

Hast Du Dir einen Zeitplan gesetzt, bis wann sich die Mannschaft in der Liga etabliert haben sollte?

Markus Anfang: So denke ich nicht. Warum sollte ich mich damit beschäftigen, wie viele Punkte wir nach fünf oder sechs Spielen haben. Wie viele zu Weihnachten? Es klingt platt, aber wir sind richtig beraten, ein Spiel nach dem anderen anzugehen. Ein Spiel spielen, daraus lernen, dann das nächste angehen. Im Optimalfall kann die Mannschaft schon in dem das Erlernte anwenden. Wenn nicht, dann eben im nächsten. Tabellarische Zielvorgaben sind für die Entwicklung einer Mannschaft nicht hilfreich.

Angenommen, die KSV könnte mehr Geld in etablierte Spieler investieren, würdest Du diesen Weg einschlagen wollen?

Markus Anfang: Nein. Das würde nicht zu dem passen, was wir uns hier erarbeitet haben. Wenn ein Top-Spieler zu uns passt, auch menschlich, dann würde ich den natürlich nicht ablehnen. Aber in erster Linie geht es bei der KSV Holstein darum, gemeinsam die nächsten Schritte zu gehen. Auf und neben dem Feld. Und da ist es der falsche Ansatz, bei Neuzugängen nur auf die sportlichen Qualitäten zu achten.

In der vergangenen Saison hat die Mannschaft den Gegner oft spielerisch dominiert, wird das auch in der 2. Liga gelingen?

Markus Anfang: Unser Ziel muss es auf jeden Fall sein, ja. Wir wollen auch in dieser Spielklasse jedes Spiel gewinnen, sonst bräuchten wir uns darauf auch nicht vorbereiten. Die Mannschaft hat sich Antworten auf alle Spielweisen erarbeitet, sie kann Ballbesitz-Fußball, sie kann aber auch das Umschaltspiel, so wie zuletzt beim 3:0-Erfolg in Regensburg. Sie ist taktisch sehr flexibel geworden. Gut möglich, dass wir in der 2. Liga vermehrt auf das schnelle Umschalten setzen, aber das bedeutet nicht, dass wir mauern werden. Unseren Stil behalten wir bei, dem vertrauen die Spieler, mit ihm waren sie erfolgreich.

Was würde Dich enttäuschen?

Markus Anfang: Wirklich enttäuscht wäre ich nur, wenn die Mannschaft Angst vor der neuen Herausforderung hat. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht passieren wird! Die Mannschaft soll sich auf die neue Herausforderung freuen, diese Liga genießen. Dafür hat sie ein Jahr sehr hart gearbeitet. 

Was erwartest Du vom Umfeld des Vereins? Von den Fans?

Markus Anfang: Die 2. Liga ist ja nicht nur für das Trainerteam und die Mannschaft Neuland, sie ist es ja auch für den gesamten Verein. Ich hoffe, dass alle Geduld haben, verstehen, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen, um diese historische Chance nutzen zu können. Was für mich bedeutet, dass wir uns nachhaltig im Profifußball etablieren können. Das Potenzial dazu hat dieser Verein eindeutig. Aber eine Entwicklung geschieht nicht über Nacht, das war auch in der vergangenen Saison nicht der Fall. Sie geschieht langsam, es wird Rückschläge geben, aber auch Erfolgserlebnisse. Kiel hält zusammen – wenn es uns gelingt, das umzusetzen, bin ich zuversichtlich, dass wir eine gute Saison spielen werden.

Was ist für Dich eine gute Saison? Eine, die mit dem Klassenerhalt endet?

Markus Anfang: Nein, so denke ich nicht. Was ist denn, wenn wir den vorzeitig geschafft haben? Schenken wir die restlichen Spiele dann ab? Nein, eine positive Saison ist eine, in der wir unsere Entwicklung erfolgreich fortsetzen konnten. Dazu müssen ja nicht immer die Ergebnisse hundertprozentig stimmen. Wenn wir in einem Spiel alles gegeben haben, die Mannschaft alles umgesetzt hat, was sie sich im Training erarbeitet hat, am Ende dafür aber nicht belohnt wird, ist es für mich trotzdem ein gutes Spiel gewesen. Sicher wünsche ich mir, dass sich die Fortschritte so schnell wie möglich einstellen, aber erwarten dürfen wir das nicht. Sonst sind alle schnell enttäuscht. Und das darf auf keinen Fall passieren, schließlich ist es eine tolle Sache, in dieser Liga mitspielen zu können.

Nun wird parallel das Stadion umgebaut. Wie groß ist das Handicap, womöglich einen Großteil der Heimspiele in einer Baustelle absolvieren zu müssen?

Markus Anfang: Ich sehe darin kein Handicap. Im Gegenteil! Ein Stadion, das ausgebaut wird, ist ein Zeichen dafür, dass wir Erfolg gehabt haben. Für mich passt der Begriff „Baustelle“ in diesem Zusammenhang nicht, dazu ist die Entwicklung, die auch unser Stadion durchläuft, zu positiv.

Was bedeutet es für Dich persönlich, erstmals in Deiner Karriere einen Zweitligisten zu trainieren?

Markus Anfang: Da ich gerne immer wieder darauf verweise, dass der Verein einen Prozess durchläuft, wende ich diesen Begriff auch auf mich an. Ich möchte mich weiterentwickeln, die 2. Liga nehme ich als Trainer als Herausforderung an. Wer im Leistungssport arbeitet, will sich mit den Besten messen. Und wir alle bekommen jetzt die Chance, uns mit noch größeren Gegnern zu messen als in der vergangenen Saison – das ist toll, genau dafür arbeiten wir jeden Tag hart! Ich freue mich sehr darauf, in große Stadien einzulaufen und vor tollen Kulisse auftreten zu dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch, Markus.

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