Ein echter Anführer

Der Aufstieg von Rafael Czichos auf dem zweiten Bildungsweg

Rafael Czichos ist ein echter Leader

Die Mannschaft der KSV Holstein wählte Rafael Czichos im Trainingslager an der türkischen Riviera im Januar zum neuen Kapitän. Mit ihm, so scheint es, haben die Störche im Jahr eins nach Rafael Kazior (Werder II) wieder einen echten Anführer. Das bewies er auch am Sonnabend, als seine KSV auf höchst unglückliche Weise das Nord-Derby gegen den VfL Osnabrück in der Nachspielzeit mit 0:1 verlor. Czichos organisierte mit großer Souveränität die stabile Deckung und gewann nahezu alle Zweikämpfe.

„Die Osnabrücker wissen nicht genau, wie sie hier heute gewonnen haben“, sagte Czichos, der der starken Vorstellung seiner Mannschaft vor dem schweren Auswärtsspiel am Freitag bei den Stuttgarter Kickers (19 Uhr) auch eine gute Seite abgewinnen konnte. „Es steht wieder eine Mannschaft auf dem Platz. Alle, auch die, die von der Bank kommen, hauen sich voll rein – das macht mir Mut.“

Dass die Störche sich nach dem Jahreswechsel wieder als Einheit präsentieren, verdanken sie auch ihrem neuen Kapitän. Und dass er das werden konnte, verdankt der Innenverteidiger letztlich Sören Seidel. Der Spielerberater und Czichos gehen zwar mittlerweile getrennte Wege. Doch der Ex-Profi des Bundesligisten Werder Bremen, der auch zwei Jahre lang (2002 bis 2004) das KSV-Trikot trug, nahm ihn einst als Kunden Nummer eins in seine Kartei auf. Czichos kickte damals in der Heimat beim Fünfligisten TSV Ottersberg. 19 Jahre war er alt, er trainierte nur dreimal pro Woche, kein Gedanke drehten sich darum, Profi zu werden. „Ich hatte zehn Kilo Übergewicht und schaute mich nach Studienplätzen um.“ Doch Seidel, der sein Mannschaftskollege in Ottersberg geworden war und Spielerberater werden wollte, erkannte dessen Talent und vermittelte ihm ein Probetraining beim abstiegsbedrohten Regionalligisten Borussia Mönchengladbach II.

Czichos, im linken Mittelfeld beheimatet, sollte bei Trainer Horst Wohlers drei Tage lang als Stürmer vorspielen. „Gladbach war für mich ein Kulturschock“, erinnert sich Czichos gut daran, wie er sich mit angehenden Stars wie Patrick Herrmann im legendären Borussia-Park umzog. „Ich kam ja vom Dorf. Die Kabine war so groß wie ein Restaurant und ich hatte nur meine Billig-Schuhe mit.“ Entsprechend nervös sei er gewesen, entsprechend dürftig seine Vorstellung. Doch Wohlers, eine Gladbacher Legende, entschied sich trotzdem, ihm einen Zwei-Jahres-Vertrag anzubieten. Nach dem anstehenden Wochenende sollten die Formalitäten geklärt werden, doch daraus wurde nichts – Wohlers musste nach diesem Spieltag gehen.

Seidel („Rafa ist zurecht Kapitän in Kiel geworden“) gab nicht auf und schickte Czichos zum Regionalligisten VfL Wolfsburg II. Hier war er als Linksverteidiger gefragt, der auch über die nötige Theorie verfügen sollte. „Am zweiten Tag hat mich Lorenz-Günther Köstner in sein Büro gebeten“, erinnert sich Czichos. „Ich habe alles zusammengekratzt, was ich über meine Aufgaben wusste, aber er war ein erfahrener Trainer und hat ganz genau gemerkt, dass ich gar keinen Plan hatte.“ Trotzdem nahm Köstner ihn für zwei Jahre unter Vertrag, zum Einsatz kam Czichos in dieser Zeit aber kaum. Prägend war sie trotzdem, trainierte er doch ein halbes Jahr lang mit den Profis der Wölfe. Mit Stars wie Edin Dzeko („ein super Typ“), Marcel Schäfer, der ihn regelmäßig zum Grillen einlud, und Patrick Helmes, der ein guter Freund geworden ist. Erst auf der dritten Etappe seiner Reise fand Czichos einen Stammplatz – beim Drittligisten RW Erfurt. Beim Probetraining gefiel er Trainer Stefan Emmerling so gut, weil er seinem damaligen und heutigen Kollegen Denis-Danso Weidlich bei einem Zweikampf im Gesicht traf. „Er lobte mich für meinen energischen Einsatz. Aber ich hatte das gar nicht absichtlich gemacht“, sagt Czichos und lacht. In Thüringen stieg er als Linksverteidiger schnell zum Führungsspieler auf. Doch die innere Unruhe ließ ihn, der in Saudi-Arabien geboren wurde und dort zwei Jahre lebte, noch nicht los. Die Lust auf das Neue weckte Karsten Neitzel im Januar vergangenen Jahres. Ein Trainer der einen Spieler direkt anruft – in einer weitgehend von Beratern organisierten Welt ein Novum, das auch den inzwischen 25-Jährigen beeindruckte. „Er hat sich anschließend immer wieder erkundigt. Und als ich mir zwei Monate später die tolle Anlage in Projensdorf ansah, sagte ich zu.“

Gebannt verfolgte er, der unbedingt einmal in der 2. Liga spielen will, die rasante Rückrunde der Störche. Die dramatische Relegation gegen den TSV 1860 München erlebte er, mit einer Amerikanerin liiert, in den USA. Am Tag des Hinspiels habe er keinen deutschen TV-Sender gefunden, doch das Rückspiel sah er sich auf Hawaii an. „In der 87. Minute brach die Verbindung ab“, erinnert sich Czichos an jenen Tag im Paradies, der auch für ihn zum Alptraum werden sollte. 1:1 stand es zu diesem Zeitpunkt zwischen Kiel und den Löwen, seinen künftigen Arbeitgeber wähnte auch Czichos in der 2. Liga. „Doch dann kamen die ersten SMS, in denen mich Freunde bedauerten – diesen Tag konnte ich abhaken.“ Die Geschichte ist bekannt: Holstein verlor noch 1:2 und blieb in Liga drei.

Trotzdem sei er mit großen Erwartungen nach Kiel gekommen, die namhaften Neuverpflichtungen hätten ihm die Gewissheit gegeben, dass die Verantwortlichen ernsthaft einen neuen Anlauf nehmen wollten. „Vielleicht haben wir Spieler anfangs geglaubt, dass es mit diesem Kader ganz von alleine läuft“, sagt Czichos, der mittlerweile mit dem Isländer Eidur Aron Sigurbjörnsson die in der Hinrunde so wackelige Innenverteidigung stabilisiert.  Erschwerend sei hinzugekommen, dass sich mit Kapitän Marlon Krause und dem in der Vorsaison überragenden Torhüter Kenneth Kronholm (beide Kreuzbandriss) zwei Säulen in der Findungsphase der neuen Mannschaft verletzten.

„Inzwischen haben aber alle die Lage realisiert, es geht nur voran, wenn sich jeder für jeden reinhaut.“ Als Kapitän verfüge er bislang nur über begrenzte Erfahrung, sagt Czichos. „In der Jugend hatte dieses Amt immer der Trainersohn. Und in Erfurt trug ich nur dreimal die Binde, weil sich drei Spieler verletzt hatten.“ Trotzdem, das Votum seiner neuen Mannschaftskollege mache ihm Mut. „Dass ich schon nach einem halben Jahr hier ein solches Standing habe, freut mich sehr.“ Seine Aufgabe sehe er darin, Schwingungen im Team rechtzeitig zu erkennen und mit seinen Kollegen aus dem Mannschaftsrat zu besprechen. „Ich werde ganz bestimmt nicht den Ober-Kapitän spielen, aber eines muss klar sein: Auf dem Platz wird nicht diskutiert.“ Er habe sich vorgenommen, in solchen Situationen energisch einzuschreiten. „Nach dem Spiel können wir über alles reden, auf dem Feld nicht.“ Kazior, so habe er von den Kollegen gehört, habe auch außerhalb des Stadions die Mannschaft vorbildlich zusammengehalten. Er werde sich ihn zum Vorbild nehmen, damit sich die KSV schnell eine tragfähige Hierarchie erarbeite. „Die werden wir brauchen, um nicht so lange im unteren Tabellendrittel zu bleiben, bis sich diese dann auch auf den Kopf auswirkt.“  

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