Die zweite Chance

Stürmer Ilir Azemi nimmt nach einem schweren Autounfall in Kiel einen neuen Anlauf

Ilir Azemi im Spiel gegen Preußen Münster

Mit der Verpflichtung von Ilir Azemi gelang der KSV Holstein im Winter ein echter Coup. Der 25-jährige Mittelstürmer des Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth ließ sich bis zum Saisonende an die Störche ausleihen, um an der Förde Spielpraxis zu bekommen. Der in Pristina (Kosovo) geborene Deutsche erlitt im August 2014 einen schweren Autounfall und nimmt nun einen zweiten Anlauf, um mittelfristig das zu erreichen, was ihm schon viele vor diesem einschneidenden Erlebnis zugetraut hatten – einen Arbeitsplatz bei einem Bundesligisten.

Ili: In meinem ersten Profijahr bei der Greuther Fürth haben die Kollegen das „r“ einfach aus meinem Namen gestrichen und mich nur noch „Ili“ gerufen. Offenbar war ihnen „Ilir“ zu lang, oder das „r“ am Ende zu schwierig (lacht). Ich kann damit gut leben und habe ich mich längst daran gewöhnt.

Liga: Das Größte in meiner bisherigen Karriere war die Saison 2012/13, da spielte ich mit Fürth in der 1. Bundesliga. Besonders ist mir unser Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund in Erinnerung geblieben. Ausverkauftes Haus, 83.000 Zuschauer – das war einfach unglaublich. In dieser Saison habe ich auch mein erstes Tor im Profibereich geschossen. Besonders schön war der Treffer, den ich damals beim VfL Wolfsburg (1:1, September 2012, d. Red.) erzielt habe zwar nicht, aber unvergesslich ist er als Nummer eins trotzdem geblieben. Ich gehörte damals fest zum Kader der 1. Mannschaft und hätte vielleicht auch bei einem anderen Verein in der Bundesliga bleiben können. Aber ich war erst 20 Jahre alt, deshalb war es für meine Entwicklung richtig, mit Fürth am Ende der Saison wieder in die 2. Liga zu gehen.

Islam: Ich bin seit meiner Geburt Moslem, bete fünfmal am Tag und gehe freitags, wenn es der Spielplan denn zulässt, auch immer in die Moschee. Vor dem Spiel sind für mich Bitt-Gebete ein festes Ritual. Ich persönlich habe noch keine schlechten Erfahrungen damit gemacht, ein Moslem unter vielen Christen zu sein. Aber ich merke, dass diese Religion für viele mit Vorurteilen behaftet ist. Gerade in dieser vom Terror geprägten Gegenwart. Wer sich mit meinem Glauben beschäftigt, merkt aber schnell, dass diese nicht stimmen. Aber leider geben sich nicht alle die Mühe, sich mit dem Islam wirklich auseinanderzusetzen.

Ruhm: Das ist nicht alles im Leben. Ich kenne einige bekannte Persönlichkeiten, die die gleichen Sorgen haben wie weniger berühmte Menschen. Ruhm ist eine Äußerlichkeit, im Inneren sieht es meistens gar nicht so unterschiedlich aus. Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen, um mit Ruhm richtig umgehen zu können. Gerade als Fußballer ist die Gefahr groß, schnell abzuheben. In unserer Sportart verdienen schon junge Leute teilweise sehr viel Geld und stehen vor einer großen Öffentlichkeit im Rampenlicht. Das ist nicht einfach, damit richtig umzugehen. Neben meinem Glauben hilft mir meine Familie dabei, immer schön am Boden zu bleiben. An meinen Vater habe ich leider kaum noch Erinnerungen, er starb, als ich elf Jahre alt war. Aber die Beziehung zu meiner Mutter und den drei Schwestern, die alle in Fürth leben, ist sehr eng.

Autounfall: Ich bin vor knapp drei Jahren (7. August 2014, d. Red.) auf dem Rückweg von einem Familientreffen mit meinem Auto schwer verunglückt, habe mir damals neben einer Lungenquetschung und einigen Rippenbrüchen auch das Becken gebrochen. Die Ärzte sprachen davon, dass es ein Wunder sei, dass ich diesen Unfall überhaupt überlebt habe. Ich ging vier Monate an Krücken und habe erst 19 Monate danach mein Comeback geben können. Das war bisher das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Mir ist es aber gelungen, daraus auch etwas Positives herauszuziehen. Ich freue mich beispielsweise immer noch riesig darüber, überhaupt wieder Fußball spielen zu können. Dieser Unfall hat mich Demut gelehrt, mich letztlich stärker gemacht. Als ich im Krankenhaus lag, konnte ich wegen des Beckenbruchs anfangs nur die Hände bewegen, richtiges Atmen war erst nach zwei, drei Wochen wieder möglich. Ich war im Klinikum in Fürth an viele Geräte angeschlossen und fühlte mich extrem hilflos. Unvergessen wird mir auch bleiben, wie meine Mannschaft vier Tage später im Derby gegen den 1. FC Nürnberg aufgetreten ist. Mit meiner Mutter habe ich das Spiel im Krankenhaus vor dem Fernsehschirm verfolgt. Alle Mitspieler aus Fürth liefen damals mit meiner Rückennummer, der „33“, auf und gewannen in einem großartigen Spiel 5:1.

Ziele: Mein kurzfristiges Ziel ist, mit Holstein Kiel in die 2. Liga aufzusteigen. Die Mannschaft hat die dafür nötige Qualität und der Verein ist einfach mal dran! Holstein Kiel hat mit seiner großartigen Geschichte den Aufstieg schlicht verdient. Ich bin hier von den Kollegen super aufgenommen worden, fühle mich im Verein und der sehr schönen Stadt super wohl. In Fürth wurde ich zuletzt nur in der 2. Mannschaft eingesetzt, die in der Regionalliga Bayern spielt. Von meinem Wechsel in der Winterpause zur KSV Holstein erhoffe ich mir, wieder der alte Ili werden zu können. Was nach dieser Saison kommt? Fürth ist schon meine Heimat, ich habe zehn Jahre dort gespielt und mich auch sehr wohl gefühlt. Aber wer weiß, ich will auch ein schnelles Wiedersehen mit den Kieler Fans nicht ganz ausschließen. Die KSV ist, wie Fürth, eine richtig gute Adresse für Fußballer.

Ehrlich: Ich behaupte von mir, ein ehrlicher Mensch zu sein. Mir ist dieser Charakterzug wichtig, an mir, aber auch an anderen Menschen. Ich mag es nicht, wenn Dinge hinter dem Rücken der Betroffenen besprochen werden. Kritiker des Fußballers werden jetzt natürlich sagen, was ich mit diesem Charakter in einer Sportart zu suchen habe, die im Verdacht steht, mehr Schein als Sein zu sein. Teilweise stimmt das, zum Fußball gehört mehr und mehr das Showgeschäft dazu. Aber gerade deshalb ist es wichtig, ehrlich zu sich und anderen zu sein, um sich in dieser Welt nicht zu verlieren.

Musik: Ich würde gerne Gitarre spielen, aber ich bin leider nur mit den Füßen geschickt, mit den Händen ist mir diese Gabe nicht beschert worden. Mein Musikgeschmack ist relativ breit, ich höre Deutsch-Rap, viel englische Musik, aber auch Volksmusik aus meiner alten Heimat Albanien. Ich habe noch viele Familienangehörige dort, die ich im Sommer auch regelmäßig besuche. Dort liegen meine Wurzeln, aber ich bin inzwischen ein Deutscher und fühle mich auch als solcher. M – das hätte auch Mütze sein können. Ich trage oft Mützen, wer denkt, dass ich diesbezüglich einen Tick habe, der täuscht sich aber. Ich trage sie so häufig, weil meine Haare viel zu lang sind und ich endlich mal wieder zum Friseur gehen muss.

Idol: Das ist ganz klar Zlatan Ibrahimovic. Er ist nicht nur einer der besten Stürmer der Welt. Er ist einfach ein Typ, auf und neben dem Platz. Einer, der polarisiert. Ich habe sein Buch („Ich bin Zlatan“, d. Red.) gelesen und mich intensiv mit ihm beschäftigt. Er hat in seinem Leben schon viel Mist erlebt, was auch erklärt, warum er sich in bestimmten Situationen so benimmt, wie er sich benimmt. Das muss man wissen, um ihn zu verstehen. Ich sehe in unseren Leben durchaus Parallelen, wenn auch seine Jugend viel härter gewesen ist als meine. Aber – ein Kind von Traurigkeit bin ich auch nicht gewesen. Aber das ist längst Geschichte, ich bin reifer geworden. Wir sind uns aber auch als Spielertypen ähnlich, beide groß gewachsen, technisch gut und im Strafraum zu Hause. Ich schaue mir viele Spiele an, nicht nur von Ibrahimovic, um die Laufwege von anderen Mittelstürmern zu studieren. In der Bundesliga sind da natürlich Robert Lewandowski (FC Bayern München, d. Red.) und Pierre-Emerick Aubameyang (Dortmund, d. Red.) Ausnahmeerscheinungen, aber ich schaue auch genau hin, was beispielsweise Anthony Modeste (1. FC Köln, d. Red.) und Vedad Ibisevic (Hertha BSC Berlin, d. Red.) machen, die beiden sind auch richtig gut drauf.

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