Der Straßenfußballer

Narek Abrahamyan hat den Übersteiger im Blut

Leicht war er nicht, der Weg von Narek Abrahamyan in den erweiterten Ligakader des Drittligisten Holstein Kiel. Beim Hamburger SV flog der Stürmer als 17-Jähriger aus dem Internat, sein Start bei den Störchen verlief holprig. Rückblickend sieht er in Ole Werner, seinem Trainer in der U23 der KSV, und Opa Hatchatur diejenigen, die ihn schließlich in die Erfolgsspur setzten. Aber der Reihe nach:

„Ich bin als Straßenfußballer aufgewachsen“, sagt der gebürtige Armenier, der seine Heimatstadt Sevan mit der Familie als Achtjähriger verließ, und seine Karriere in Elmshorn vor den Toren Hamburgs fortsetzte. So war es auch kein Wunder, dass den Spähern des Bundesligisten das außergewöhnliche Talent schon früh auffiel. Als E-Jugendlicher erreichte er mit seinem Verein bei einem namhaft besetzten Hamburger Hallenturnier überraschend das Finale – der FC Elmshorn war zuvor nie weiter als bis ins Viertelfinale gekommen – und schoss sieben Tore. „Anschließend hat mich jemand angesprochen, aber ich habe nur ‚HSV‘ verstanden, mehr nicht“, sagt Abrahamyan. „Ich konnte damals nur ‚Hallo‘ sagen.“

Allerdings habe ein Landsmann erkannt, wer ihn da angesprochen hatte. „Er ist dann mit mir zu meinem Verein gegangen und hat gesagt, dass Narek jetzt hier kündigt, weil er zum Hamburger SV geht“, erinnert sich der mittlerweile 20-Jährige lachend. Tatsächlich wechselte er anschließend zum HSV, besuchte drei Jahre lang sogar das Internat des Bundesliga-Dinos. Er wurde zu Lehrgängen der deutschen U15-, U16- und U17-Nationalmannschaften eingeladen. Da er aber keinen deutschen Pass besaß, durfte er allerdings keine Länderspiele bestreiten. Trotzdem: Narek Abrahamyan schien auf einem guten Weg zu sein, als er wegen eines Dummen-Jungen-Streichs aus dem Internat flog. Ein Mitbewohner überredete ihn, eines Abends mit dem Auto zu einem Imbiss zu fahren. Die Überwachungskameras zeichneten die beiden auf, was kein Problem gewesen wäre, hätte der Fahrer einen Führerschein besessen. Besaß er aber nicht. Für Narek galt als Beifahrer das Prinzip „Mitgefangen, mitgehangen“ – der Vertrag wurde aufgelöst, vorbei war die Karriere beim HSV. „Danach wollte ich erst einmal mit Fußball aufhören“, sagt Narek, dessen Bruder Hatchatur bereits zweimal deutscher Boxmeister in der Klasse bis 60 Kilogramm wurde und sein großer Rückhalt ist.

Auch Narek liegt das Boxen im Blut, der Trainer seines Bruders wollte ihn schon überreden, die Sportart zu wechseln. „Er hat gesagt, dass ich großes Talent habe und das unglaublich gut mache“, sagt Narek, der sich nach dem HSV-Aus dem Hamburger Stadtrivalen FC St. Pauli anschloss. Wirklich glücklich wurde er dort auch nicht, der Gedanke, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, ließ ihn nicht mehr los. Bis eines Tages Frank Drews bei ihm anrief. Der Trainer der U19 von Holstein Kiel hatte Abrahamyan nie aus den Augen verloren und konnte ihm eine Bundesliga-Mannschaft als Bühne bieten. Der 1,69 Meter große Wirbelwind überzeugte die Störche-Verantwortlichen und spielte sich mit einer guten Saison in den Fokus von Karsten Neitzel, der ihn im Ligakader mittrainieren ließ und mit ins Trainingslager nach Side (Türkei) nahm. Der Durchbruch gelang ihm aufgrund zahlreicher Verletzungspausen allerdings im ersten Anlauf noch nicht, Abrahamyan, so der Auftrag des damaligen KSV-Cheftrainers, solle in der U23 einen neuen Anlauf nehmen. „Die habe ich anfangs nicht ernst genug genommen“, räumt Abrahayam ein. Und Ole Werner, Trainer des Schleswig-Holstein-Ligisten, griff sofort durch und setzte ihn in den ersten sieben Pflichtspielen der Saison 2015/16 auf die Bank. „Ole hat zu mir gesagt, dass ihm Namen egal sind“, sagt Abrahamyan. „Er gehe bei ihm nur nach Leistung und meine würde für diese Mannschaft nicht genügen.“ Eine Phase, in der er erneut daran zweifelte, sich als Fußballer noch einmal durchsetzen zu können. „Aber dann rief mein Opa aus Armenien an und hat mit mir ein ernstes Wörtchen gesprochen. Er ist mein größter Fan, aber auch mein härtester Kritiker.“ Er habe ihm klar gemacht, dass Erfolg nur mit Fleiß zu erreichen sei. Dass ihm aktuell auch eine Alternative zum Fußball fehle. Was nach diesem Gespräch passierte, bezeichnet Werner als eine „der positivsten Entwicklungen eines Spieler“ in seiner Trainerkarriere. „Er war vorher nicht unbedingt für seine Pünktlichkeit bekannt, aber über Nacht ist er extrem zuverlässig und fleißig geworden.“ Er freue sich ungemein für den sympathischen Sportler, dass er auf derartig beeindruckende Weise die Kurve bekommen habe. „Bleibt er so dabei, kann für ihn in zwei, drei Jahren die Tür zum Profifußball aufgehen.“ Es passt ins Bild, dass Narek sich auch nicht mehr davon beirren ließ, dass er, endlich in der U23 angekommen, gleich im ersten Spiel eine Rote Karte kassierte.

Nach einer guten Vorbereitung auf die laufende Saison beorderte Karsten Neitzel ihn vor dem Auswärtsspiel beim VfR Aalen im August 2016 erstmals wieder in den Ligakader. Und auch dessen Nachfolger Markus Anfang belohnte seinen Fleiß in der Winterpause und lud ihn ins Trainingslager nach Cambrils ein. Gut für die KSV, dass der trickreiche Dribbelkünstler („Bei mir liegt der Übersteiger im Blut“) trotz einiger Durststrecken nicht darauf gesetzt hat, den Ball gegen den Boxsack zu tauschen. Auf einen deutschen Personalausweis wartet er zwar noch immer, aber einen Reisepass besitzt er schon. Armenier? Deutscher? „Sollte ich eines Tages die Wahl haben, möchte ich Deutscher werden“, sagt Abrahamyan. „Ich lebe hier und fühle mich wohl.“  

 

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