Das Bolzplatzkind

Christopher Lenz über den besonderen KSV-Spirit, Rassismus und Pavel Nedved

Nach sechsmonatiger Verletzungspause ist Christopher Lenz wieder zurück.

Christopher Lenz durchlief als gebürtiger Berliner alle Jugendstationen bei Hertha BSC, wechselte als 17-Jähriger zu Borussia Mönchengladbach und kehrte dann in die Hauptstadt zurück, zu den „Eisernen“ des FC Union Berlin. Weil er beim Zweitligisten zumeist auf der Bank saß, ließ er sich im Januar 2017 zum Drittligisten KSV Holstein ausleihen – mit großem Erfolg für beide Seiten. Lenz wurde als Linksverteidiger schnell Stammspieler, und die Störche stiegen auf. Der 23-Jährige musste wegen einer schweren Oberschenkelverletzung zuletzt sechs Monate lang pausieren und feierte im Nord-Derby gegen den FC St. Pauli (25. Februar, 2:3) sein Comeback. Im Buchstaben-Porträt spricht er über den besonderen Spirit der KSV-Kollegen, sein Idol Pavel Nedved und seine Zeit als Bolzplatzkind.  

Chemie: Den Begriff habe ich mir nicht wegen des Schulfachs ausgesucht, sondern wegen der Teamchemie. Und die ist hier einfach besonders. So einen Spirit habe ich zuvor noch nicht erlebt. Auf, aber auch neben dem Platz. Der Umgang war auch während der langen Durststrecke, in der wir elf Spiele nicht gewinnen konnten, immer gut und respektvoll. Wir haben viel geredet, uns mit der Situation auseinandergesetzt und nach Lösungen gesucht. Wir wussten, dass wir nicht alles auf den Prüfstand stellen dürfen, sondern nur an Kleinigkeiten arbeiten müssen, die aber entscheidend sind. Wichtig war, endlich mal wieder zu Null zu spielen und nach einem 2:0 nicht zu denken, dass jetzt schon alles geritzt ist. Der gute Teamgeist war in der vergangenen Saison auch schon der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Da lief es auch eine ganze Weile unrund, aber wir haben trotzdem nicht die Nerven verloren. Bei Holstein wird in der Mannschafts-Whatsapp-Gruppe gefragt, ob Interesse an einem Kinobesuch besteht. Und theoretisch könnten dann auch alle dabei sein und nicht, wie bei vielen Vereinen, nur einzelne Gruppen. Und bei uns würde sich jeder über jede Konstellation freuen und nicht denken, dass X oder Y heute zum Glück keine Zeit hat.

Heimat: Die Heimat ist ein besonderer Ort. Ich bin in Berlin geboren, und mir fiel es schwer, mein Zuhause als 17-Jähriger Richtung Mönchengladbach zu verlassen. Für viele Menschen ist ja die Größe Berlins ein Kritikpunkt, aber ich finde gerade die spannend. Es gibt eben nicht nur einen oder zwei Treffpunkte, Berlin hat alles zu bieten. Wenn Du möchtest, kannst Du ständig unter Leuten sein und die komplette Bandbreite des Stadtlebens genießen. In den Grünanlagen und am Wasser lässt es sich aber auch wunderbar abschalten. Ich habe in Berlin ein Eigenheim, allein aus diesem Grund wird diese Stadt eine sein, zu der ich immer einen engen Bezug haben möchte.   

Rassismus: Für mich ein Wort, das in meinem Wortschatz gar nicht existiert. Ich weiß wirklich nicht, warum Menschen nach ihrer Hautfarbe oder einer sexuellen Ausrichtung unterschieden werden. Aus Erfahrung weiß ich, dass das Miteinander unterschiedlicher Nationalitäten wunderbar funktioniert, ich habe immer in einer Multi-Kulti-Mannschaft gespielt. Schade, dass dieses Miteinander noch nicht bei allen angekommen ist, Rassismus sollte es gar nicht geben, auch nicht im Sport. Ich bin mit Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen aufgewachsen, einige meiner besten Fußballkollegen haben keine deutschen Wurzeln.

Idol: Das ist für mich schon seit ich denken kann Pavel Nedved gewesen. Er ist auch der Grund, warum Juventus Turin mein Lieblingsverein und mein Traum ist, eines Tages mal für diesen Verein zu spielen. Als ich Nedved-Fan wurde, war die italienische Liga noch eine bessere und deshalb mehr im öffentlichen Fokus. Er hat seine Haare immer lang getragen, deshalb ließ ich mir auch so eine Frisur stehen. Er hat im Mittelfeld ja alle Positionen besetzt, und ich fühle mich auf der linken Seite auch im Mittelfeld heimisch. Mir hat immer diese Lockerheit gefallen, mit der er Fußball spielt.  Er ist ein Weltstar geworden, ohne als Tscheche dabei aus einer der absoluten Top-Nationen zu kommen. Beeindruckt hat mich auch, dass er nach dem Zwangsabstieg von Juve geblieben ist, damit ist er eine absolute Ausnahme im Fußball. Ich habe viele Trikots von ihm und auch eine Pavel-Nedved-Spielzeugstatue. Persönlich getroffen habe ich ihn noch nicht, aber es würde ein Traum in Erfüllung gehen, wenn es denn eines Tages einmal passieren würde.

Strand: Hier in Kiel habe ich den riesigen Vorteil, Strand und Meer direkt vor der Haustür zu haben. Ich schalte hier gerne ab. Ich wohne in Mönkeberg, deshalb bin ich dort und auch in Laboe regelmäßig spazieren. Mit Hund? Manchmal, allerdings nicht mit einem eigenen. Neulich habe ich mich um den von Tom (Weilandt, d. Red.) gekümmert, da war ich dann auch mal am Hundestrand unterwegs. Am Strand lässt sich auch ohne eine Beschäftigung wunderbar abschalten.

Traum: Abseits des Lebens als Fußballer habe ich den Traum, die ganze Welt zu bereisen. Dieser Planet hat so unglaublich viele schöne Seite zu bieten, ich würde sie gerne alle sehen. Allerdings: Viele Orte gefielen mir so gut, dass ich sie noch einmal besuchen möchte. Das macht es am Ende wahrscheinlich unmöglich, tatsächlich in einem Leben die ganze Welt zu bereisen. Ein paar Ecken habe ich schon gesehen, so war ich beispielsweise als 14-Jähriger mit meiner Fußballmannschaft in Tokio. Da habe ich zwar nicht viel mitbekommen, aber den Eindruck gewonnen, dass das eine tolle Stadt sein muss. Bei meinem Los-Angeles-Besuch war ich noch keine 21 Jahre alt, heißt, dass ich nicht alles mitnehmen konnte. Ich bin extrem reisefreudig, aber offen was die konkreten Ziele angeht. Während der Fußball-WM 2014 war ich beispielsweise in Rio, weil mich ein Bekannter eingeladen hatte. Er war in Las Vegas mein Gastvater gewesen, als wir mit Borussia Mönchengladbach dort ein Turnier spielten. Kapstadt? Marrakesch? Moskau? Australien? Ich habe noch einiges zu tun. Klar ist nur, dass ich den Australien-Trip ans Ende stellen werde, dafür will ich mir richtig viel Zeit nehmen.  

Offenheit: Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich ein sehr offener Mensch bin. Das ist für beide Seiten gut. Ich finde immer schnell Kontakt in einem neuen Umfeld. Und bei meiner Zeit für Hertha BSC Berlin – für den Verein spielte ich von den Minis bis zur U19 – war es irgendwann meine Rolle, mich um die neuen Spieler zu kümmern. Ich war beim Probetraining dabei, habe sie in den ersten Wochen begleitet. Ich kannte mich im Verein gut aus, hatte Spaß an der Rolle. Wem nicht die Hand gereicht wird, der bleibt in einer neuen Mannschaft schnell mal ein Einzelgänger. Ob ich einen Konkurrenzgedanken hatte, wenn ein Spieler kam, der auch auf meiner Position hätte spielen können? Nein, ein Fußballer sollte selbstbewusst genug sein, um mit einer solchen Situation umgehen zu können. Bei Holstein hatte ich das große Glück, dass ich in der Winterpause der Saison 2016/17 kam und gleich mit ins Trainingslager nach Spanien reisen durfte. Da wird dort zu viert in einem Zimmer untergebracht gewesen sind, war es leicht, schnell Kontakt zu bekommen. Ich war damals mit Yves (Nyarko), Rafa (Czichos) und Alex (Mühling, d. Red.) in einem Appartement, mit diesen Jungs hatte ich den perfekten Einstand.

Pauli: Bei „P“ nehme ich natürlich Pauli, im Nord-Derby feierte ich mein Comeback. Ich musste nach meiner Verletzung sechs Monate pausieren, so lang wie noch nie in meiner Karriere. Mit der Einwechslung war die Leidenszeit, in der ich mich über jeden noch so kleinen Fortschritt gefreut habe, endlich vorbei. Da gab es Momente, in denen ich gedacht habe, dass nichts wie früher werden wird. Aber es galt, diese zu überstehen, und hart daran zu arbeiten, wieder zurückzukommen. Eigentlich war mein Wunsch gewesen, im Januar gegen Union Berlin (Von den „Eisernen“ wird Lenz seit Januar 2017 ausgeliehen, d. Red.) wieder im Kader zu stehen, aber damit habe ich mich zu sehr unter Druck gesetzt. Das war nicht realistisch gewesen. Aber als Comeback hätte das Spiel gegen den FC St. Pauli kaum besser sein können. Ich habe mich mit den anderen Ersatzspielern an der Außenlinie aufgewärmt, als das Trikot mit meiner Rückennummer hoch gehalten wurde. Mein erster Gedanke? Endlich ist es so weit!! Aber das Ergebnis (Nach 2:1-Führung verlor die KSV noch mit 2:3, d. Red.) hat mir das Comeback-Gefühl schnell wieder verdorben. Diese Niederlage hat wirklich genervt.

Hochzeit: Ich bin selbst erst einmal auf eine Hochzeit eingeladen gewesen, die meiner Cousine. Und das hat unheimlich viel Spaß gemacht. Die ganze Familie war dabei, viele Freunde – solche Gesellschaften liebe ich, ich mag es, wenn viele netten Menschen auf einem Haufen sind. Schön, dass ich dieses Erlebnis jetzt noch einmal erleben darf. Nein, noch nicht bei meiner eigenen, auch wenn das vielleicht auch einmal ein Thema werden wird. Ich freue mich sehr darüber, dass mich mein Mannschaftskamerad Alexander Mühling zu seiner Hochzeit im Sommer eingeladen hat.

Einsatzzeit: Das ist für jeden Fußballer das wichtigste Gut. Wir haben alle mit diesem Sport angefangen, weil wir spielen, nicht, weil wir auf der Tribüne sitzen wollen. Für mich war das Thema „Einsatzzeiten“ auch ein Grund, warum ich zu Holstein Kiel gewechselt bin. Und das hat ja in beide Richtungen wunschgemäß funktioniert. Ich durfte spielen, und der Verein ist in die 2. Liga aufgestiegen.

Regen: Wäre Kiel nicht immer von Regen bedeckt, wäre die Stadt mit ihren Stränden noch viel schöner also sie sowieso schon ist. Dann würde ich den Strand und die Nähe zum Wasser noch viel öfter nutzen. Regen ist tatsächlich nicht mein Lieblingswetter, mit einer Einschränkung: Beim Fußballspielen ist er in Ordnung.

Leben: Ich bin ein Typ, der sich über kleine Dinge freuen kann, der sich mit einem Kaffee irgendwohin setzt, nachdenkt, das Treiben um sich herum beobachtet und sich einfach so über das Leben freut.   

Ehrgeiz: Für mich ist Ehrgeiz eine wichtige Eigenschaft im Sport. Wenn Dir die fehlt, kannst Du keine Ziele erreichen und keine Spiele gewinnen. Gesund sollte er natürlich sein, Ehrgeiz sollte nicht zur Besessenheit werden. Ich war in Berlin immer mit dem Ball unterwegs, in der Schule, einer Sportschule, haben wir Tennisbälle zum Kicken genommen und immer kleine Wettbewerbe ausgetragen. Ich bin ein echtes Bolzplatzkind, was sich in einer Großstadt wohl aber auch nicht verhindert lässt. Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Und ihr war immer wichtig, dass ich nach Hause komme, bevor es dunkel wird. Das Tageslicht war meine Uhr. Und meistens habe ich mich daran gehalten, nur manchmal haben wir dann doch einen Tick zu lange gekickt…

Normal: Ich kann es auch heute noch nicht fassen, dass andere Menschen von mir ein Foto machen und ein Autogramm haben wollen. Ich bin ein ganz normaler Mensch, aber für viele andere sind Fußballer wohl bessere Menschen. Das ist für mich schwer zu akzeptieren.

Ziele: Unser Ziel als Mannschaft war, unserer Art des Fußballs auch in der neuen Liga treu zu bleiben. Wir wollten so jedes einzelne Spiel angehen und das dann auch gewinnen. An eine „Ü40-Party“ haben wir nicht gedacht, der Plan war nicht, in erster Linie den Klassenerhalt schaffen zu wollen. Wir waren aber schon davon überzeugt, dass wir früh die 40-Punkte-Marke knacken werden. Wir sind nach 27 Spieltagen Tabellendritter, heißt, wir haben alles in eigener Hand. Im Gegensatz zu anderen Vereinen wissen wir, woher wir kommen – wir sind ein Aufsteiger, planen von Spiel zu Spiel, an das Ende denkt jetzt noch keiner. Andere Vereine zerbrechen am zu hohen Erwartungsdruck, aktuelle Beispiele gibt es genug. Einen solchen Druck spüren wir bei uns nicht. Und das ist gut so!   

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