Euphorie in Lotte

Di. 19 Uhr: Holstein Kiel - SF Lotte

Ein selbstbewusster Aufsteiger - die Sportfreunde Lotte

"Lotte", den Ort kannten bis vor wenigen Jahren nur genervte Autofahrer vom Stau auf der A1 vorm gleichnamigen Autobahnkreuz. Doch spätestens seit 2013 ist die kleine Gemeinde im Tecklenburger Land auch auf der Fußballlandkarte Deutschlands markiert. Damals gelang der Sprung in die 3. Liga nicht. Drei Jahre später ist man endlich auf Augenhöhe mit den Nachbarn aus Osnabrück. Und am Dienstagabend um 19 Uhr gastieren die Sportfreunde erstmals überhaupt im Holstein-Stadion.

Am 2. Juni 2013 feierte Holstein Kiel gemeinsam mit der SV Elversberg und RB Leipzig den Aufstieg in die 3. Liga. Die Sportfreunde Lotte waren war Meister der Regionalliga West geworden, zogen aber eben gegen die Roten Bullen in zwei Play-Off-Spielen (0:2, 2:2) den Kürzeren. Im Rückspiel hatten die Blau-Weißen 90 Minuten lang alles gegeben und den 0:2-Rückstand aus dem Hinspiel egalisiert. Doch in der Verlängerung jubelte die Sachsen zweimal und SFL stand mit leeren Händen dar. Drei Jahre später korrigierten die Westfalen die unglückliche Pleite. Im zweiten Anlauf gelang der Aufstieg nach zwei umkämpften Spielen gegen Waldhof Mannheim (0:0, 2:0). Vor 25.000 Zuschauern in Mannheim wurde der größte Traum dank eines Doppelschlages von Nico Granatowski (24.) und Bernd Rosinger (26.)  wahr. Noch am Abend des Relegationsrückspiels stieg die Mannschaft in den Flieger, um auf Mallorca zu feiern.

Erfolg und Rückschläge

Seit 1988 kämpften sich die Sportfreunde aus der Bezirksliga bis in die 3. Liga hoch. Nach dem Aufstieg in die Regionalliga im Jahr 2008 war der Sprung in den Profifußball schon viel früher geplant gewesen. Doch obwohl SF zweimal Meister und dreimal Vizemeister der Regionalliga West wurde, mussten die Westfalen auch immer wieder Rückschläge einstecken. Der Erfolg blieb nicht verborgen. Oft musste nach mehr als einem Dutzend Abgängen eine neue Mannschaft zusammengestellt werden. Nach dem Scheitern 2013 verließ Erfolgstrainer Maik Walpurgis die Tecklenburger, die daraufhin in ein Loch fielen und im Herbst 2014 sogar vier Spieltage auf einem Abstiegsplatz rangierten. Als einzige Konstante über die Jahre blieb daher der unermüdliche Obmann Manfred Wilke, der auch in dieser Phase die Ruhe bewahrte und Anfang 2015 wieder einen starken Kader unter dem neuen Trainer Ismail Atalan zusammenstellte.

Eingespielte Erfolgseinheit

Kurios: Im Anschluss an die Aufstiegs-Feierlichkeiten stand Trainer Ismail Atalan praktisch ohne Mannschaft da, denn kaum ein Spieler aus dem Erfolgskader hatte noch einen laufenden Kontrakt. Bis zum Trainingsstart verlängerten 18 Spieler ihren Vertrag am Autobahnkreuz, nur vier Akteure verließen den Verein. Im Gegenzug schlossen sich sechs Zugänge an. Die Sportfreunde setzen also auf ihre eingespielte Erfolgseinheit aus dem letzten Jahr, werden sich angesichts der geringen Drittligaerfahrung im Team aber erst noch an die neue Spielklasse gewöhnen müssen. Nach großer Akklimatisierung sah der Auftakt bei Werder Bremen II im Weserstadion nicht aus. Am Ende siegten die Sportfreunde überraschend mit 3:0 und schossen sich am 1. Spieltag gleich an die Tabellenspitze. Auch das torlose Remis gegen Wehen Wiesbaden am Wochenende war durchaus beachtlich.

Der "Fußball-Professor"

Nach dem 3:0-Auftaktsieg bei Werder Bremen II sprach alles in und um Lotte von einem Traumstart. Trainer Ismail Atalan bewertete das erste Drittligaspiel der SFL anders: „Ich bin allenfalls mit der Punktausbeute zufrieden. Die Spielweise sah nicht so aus, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Der mit 36 Jahren jüngste Chefcoach der 3. Liga bewies einmal mehr, warum er intern als „Fußball-Professor“ bezeichnet wird. Seine perfektionistische Ader hat ihn in kürzester Zeit dahin gebracht, wo er aktuell ist. Erst im Januar 2015 hatte Atalan nach zweieinhalb erfolgreichen Jahren beim Westfalen-Oberligisten SC Roland Beckum die Sportfreunde übernommen. Nach dem Aufstieg 2016 ist der Erfolgstrainer auch auf anderem Terrain gefordert: Der „Fußball-Professor“ macht jetzt seinen Fußballlehrer an der Hennes-Weisweiler-Akademie.

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