Von der Schülertruppe zum Deutschen Meister

Holstein Kiel feiert heute seinen 116. Geburtstag

Hier auf dem Gutenbergplatz fing es an....

Die KSV Holstein feiert am heutigen 7. Oktober ihren 116. Geburtstag.

Die Geschichte der KSV Holstein ist eine bemerkenswerte Reise durch mehr als ein Jahrhundert hoher sportlicher Ambitionen und dem Anspruch, seine Heimatstadt und Region angemessen zu vertreten. Nichts drückt dies deutlicher aus als der Klubname „Holstein“, den die Gründer der Urzelle FC Holstein im Jahre 1902 wählten. Damals waren es Schüler der Oberrealschüler, die voller Selbstbewusstsein und Heimatverbundenheit zu der landsmännischen Bezeichnung griffen. In sportlicher Hinsicht legte das Team seinerzeit eine Entwicklung hin, die unerreicht im deutschen Spitzenfußball ist. Aus einer Schülermannschaft wurde binnen weniger Jahre ein Deutscher Meister. Denn auch das ist Holstein Kiel: Zusammenhalt und Nachwuchspflege. So konnte die KSV früh zu den reichsweit führenden Fußballteams aufsteigen und war über Jahrzehnte die unumstrittene Nummer  1 im hohen Norden.

Aber Holstein Kiel ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass Fußball schon früh weit mehr als nur ein Sport war. Mit ihren frühen Erfolge schrieben Legenden wie „Adsch“ Werner, Ernst Möller, Hans Reese oder Georg Krogmann vor dem Ersten Weltkrieg Stadtgeschichte; ja fast Landesgeschichte. Und sie veränderten das kulturelle Leben in der Stadt. Denn plötzlich war Fußball, dieser vermeintliche Rowdysport aus England, Gesprächsthema, marschierte man Sonntagnachmittags zur Eckernförder Allee bzw. Irenestraße, um elf hochbegabten Balltretern bei ihrem Hobby zuzuschauen. Nie zuvor hatte es in Kiel etwas gegeben, das derartige Zuschauermassen anlockte. Und nie zuvor hatte es in Kiel etwas gegeben, bei dem das „Volk“ emotional so aus sich herauskommen konnte, wie beim Fußball. Auch wenn die Fußballfans vor dem Ersten Weltkrieg nahezu ausnahmslos aus dem Bildungsbürgertum kamen, wirkte Fußball wie eine kleine gesellschaftliche und soziale Befreiung. Und der Katalysator, der diese Befreiung ermöglichte, war Holstein Kiel.

Auch auf die Verbreitung des Fußballs im heutigen Schleswig-Holstein hatte die KSV Holstein einen erheblichen Einfluss. Neugierig vernahm man in der ganzen Region von den Erfolgen der Störche, die schon 1906 erstmals im Halbfinale um die Norddeutsche Meisterschaft standen und vier Jahre später Deutscher Vizemeister wurden. Das weckte überall die Lust auf Fußball, und so entstanden zahlreiche Mannschaften und später Vereine. 1914 war Kiel in Norddeutschland die Stadt mit den meisten Fußballspielern (2.033) – selbst das ungleich größere Hamburg hatte zu jenem Zeitpunkt vergleichsweise überschaubare 4.600 Fußballer in seinen Mauern. Ohne Holstein Kiel wär das undenkbar gewesen.

Dabei war der Beginn der Fußballbewegung in Kiel alles andere als leicht gewesen. 1898 waren einige modern denkende Turner zur Vereinsleitung des Kieler MTV von 1844 marschiert und hatten um die Gründung einer Fußballabteilung gebeten. Fußball war seinerzeit noch weitestgehend unbekannt und gerade erst aus Großbritannien importiert worden. Initiatoren in Kiel waren zwei aus Süddeutschland stammende Studenten, die den Fußball in ihrer Heimat kennengelernt hatten. Zähneknirschend erteilten die deutschnational denkenden Turner den Jungspunden die Erlaubnis, und so wurde erstmals auch in Kiel gegen das runde Leder getreten. Anfang 1900 kam mit Arthur Beier ein weiterer Süddeutscher nach Kiel.  Beier stammte aus Karlsruhe, der Wiege des organisierten Fußballs in Deutschland, und hatte dort beim KSC-Vorläufer Phönix gespielt. „Jetzt fingen wir erst an zu begreifen, was Fußballspielen hieß“, staunte ein Kieler Pionier der ersten Stunde über die von Beier nach Kiel gebrachte Fußball-Philosophie. „Er war ein vorzüglicher Lehrer, denn er verstand es, jeden Spieler entsprechend seiner Veranlagung und seinem Können auf den für ihn richtigen Platz zu stellen, die Mannschaft scharf zu trainieren und vor allem durch seinen persönlichen Einfluss jeden Spieler zu begeistern.“

Beiers Aktivitäten lösten in vielfacher Hinsicht eine Revolution aus. Einerseits begann man in Kiel allmählich zu verstehen, was es mit dem Fußball wirklich auf sich hat, andererseits kam es zum Bruch mit dem KMTV 1844. Als dessen Vorstand den Fußballern am 7. Oktober 1900 nämlich die Reise zu einem Freundschaftsspiel bei der Lübecker Turnerschaft untersagte, platzten Beier und Co. die Krägen.  Kurzerhand wurde mit dem Kieler Fußballverein (KFV) ein eigener Klub ins Leben gerufen, der noch am selben Tag beim 1:0 in Lübeck den ersten Sieg einfuhr. Zu einer Zeit, in der großer Wert auf Recht, Ordnung und Disziplin gelegt wurde, war dies ein nicht zu unterschätzender rebellischer Akt. Er entsprach der allgemeinen Aufbruchstimmung vor allem unter den gebildeten Jugendlichen, die die Nase voll hatten von einem erstarrten Deutschland, das Heinrich Mann in „Der Untertan“ so anschaulich beschrieben hatte. Sie wollten die Provinzialität überwinden, sie wollten Kontakt zum Ausland und sie wollten fröhlichen Sport statt drillendes Turnen.

Die Entwicklung des Fußballs nicht nur in Kiel korrespondierte mit einem Wertewandel im studentischen Umfeld. Vor allem Studentenverbindungen erfuhren wachsende Popularität. Das lag nicht zuletzt an den fröhlichen Gelagen, die man dort zu feiern pflegte. Auch im Fußball waren Kommerse üblich, bei denen natürlich auch der eine oder andere Bierhumpen geleert wurde. Schüler beobachteten die Aktivitäten der Studenten und Fußballer mit glühendem Neid. Das betraf auch eine Gruppe talentierter Sportler der Oberrealschule I (heute Hebbelschule), die den Fußball für sich entdeckt hatte. Nachdem sie eine Zeitlang nach Schulschluss und in Straßenschuhen gekickt hatten (sehr zum Verdruss der Eltern), rief man am 4. Mai 1902 in einer Gartenlaube am Knooper Weg einen Verein ins Leben, der sich FC Holstein Kiel nannte.

Der Start des Klubs war jedoch schwierig, denn die Obrigkeit vermutete darin einen verbotenen Schülerverein. Erst als sich zwei Pädagogen der Oberrealschule für die jugendlichen Kicker verbürgten, ging es aufwärts. Ende 1902 fand man an der Gutenbergstraße einen Sportplatz, wenig später wurde die Gaststätte „Zum Storchennest“ zum Vereinslokal und am 4. Januar 1903 bestritt man gegen die zweite Mannschaft des KFV sein erstes Spiel. Niemand ahnte zu jenem Zeitpunkt, dass da eine Mannschaft aufgelaufen war, die sieben Jahre später in ihrem Kern Deutscher Vizemeister werden sollte.

 

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