Superstorch und HSV-Dirigent

Was macht Franz Josef „Bubi“ Hönig

16.000 Zuschauer im prall gefüllten Holstein-Stadion konnten es nicht fassen. Als der mit so viel Optimismus und Vorfreude in die Bundesliga-Aufstiegsrunde gestartete Meister der Regionalliga Nord am 29. Mai 1965 im Auftaktmatch gegen den SSV Reutlingen nicht über ein enttäuschenden 1:1 hinaus kam, da ahnten die so begeisterungsfähigen Kieler Fans bereits Böses. Hatten die Querelen um die Ablösung von Erfolgstrainer Ullmann kurz vor dem Ende der souveränen Punktrunde die Störche gelähmt? War die etwas verhaltenere Taktik von Interimstrainer Helmuth Johannsen Gift für den legendären Offensivgeist der KSV?

Auf jeden Fall versetzte das Unentschieden den Kieler Hoffnungen vom Bundesliga-Aufstieg einen herben Dämpfer. Nur eine Woche später dann der nächste Tiefschlag für Holstein, denn am Gladbacher Bökelberg rückten die Träume der Kieler nach der späten 0:1-Niederlage vor über 30.000 Zuschauern in weite Ferne. Und nach der 3:4-Heimpleite gegen Wormatia Worms am 3. Spieltag der Aufstiegsrunde musste das Thema Bundesliga an der Förde ad acta gelegt werden.

Einer, der damals zur vielleicht stärksten Mannschaft des Kieler Nachkriegs-Fußballs gehörte, war Franz Josef „Bubi“ Hönig. Als elffacher Junioren-Nationalspieler von seinem sportlichen Ziehvater Ullmann 1964 vom SV Geisenheim im Rheingau ins Storchennest gelockt, gehörte Hönig dem legendären 94-Tore-Sturm um Gerd Koll und Gerd Saborowski an. Bereits in seinem ersten Jahr im hohen Norden erlebte der junge Torjäger mit seinem Team einen wahren Höhenflug. Holstein startete mit elf Siegen in die Saison. Erst am 12. Spieltag riss die Serie vor 17.000 Fans im Holstein-Stadion gegen den späteren Vizemeister FC St. Pauli (1:2). Nach der Vorrunde stand Holstein Kiel souverän mit 28:4 Punkten an der Spitze und am Ende hatten die Störche 10 Punkte Vorsprung auf die Hamburger. Amateurnationalspieler Hönig hatte sich als wertvolle Verstärkung erwiesen. Doch dann kam in den Aufstiegsspielen das jähe Ende der Bundesliga-Träume. „Für uns war das ein Schock damals. Eigentlich hatten wir eine sehr starke Mannschaft, wir brauchten keinen Gegner zu fürchten“, erinnert sich Franz Josef Hönig noch lebhaft an seine erste Saison in Kiel, in der er parallel zum Fußball erfolgreich  seine Banklehre absolvierte. „Aber mit der vorhandenen Infrastruktur sowie den strengen Auflagen des DFB wäre es für Holstein wohl auch schwierig geworden, sich in der Bundesliga zu etablieren“, glaubt Hönig rückblickend.

Nach der verpatzten Aufstiegsrunde unternahmen die Störche einen neuerlichen Anlauf in Richtung Bundesliga. In der Regionalliga-Saison 1965/66 gab es einen heißen Dreikampf zwischen dem Titelverteidiger aus Kiel, Vizemeister FC St. Pauli und Göttingen 05. Am Ende zog Holstein nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses den Kürzeren und musste am Ende zuschauen. Dabei hatte die KSV im Schlussspurt sagenhafte 15:1 Zähler erkämpft.

Noch bitterer das Scheitern in der Saison 1966/67. Die Meisterschaft und die zwei Plätze für die Aufstiegsrunde zur Bundesliga wurden diesmal in einem Dreikampf zwischen Arminia Hannover, Göttingen 05 und Holstein Kiel ausgetragen. Der KSV ging in den letzten drei Spieltagen die Luft aus, sie holten nur noch zwei Punkte und verloren auch am Schlusstag mit 0:2 Toren bei Sperber Hamburg. Erneut fehlten nur wenige Tore zu den punktgleichen Göttingern.

Trotz der beiden verpassten Aufstiegsrunden und dem Scheitern gegen Gladbach in seinem ersten Jahr an der Förde erlebte Franz Josef Hönig laut eigener Aussage in Kiel „eine sehr, sehr erfolgreiche und schöne Zeit, für mich war es ja das erste Mal, dass ich vor so vielen Zuschauern spielen durfte“. Und die Erfolge halfen dem Youngster stets gegen das Heimweh. 

In seinen 86 Pflichtspielen für die Störche erzielte Hönig 43 Tore. Dass der junge Stürmer Talent und Können für höhere sportliche Aufgaben besaß, das wurde während seiner drei Jahre bei Holstein mehr als deutlich. Der Wechsel in die Bundesliga war vorgezeichnet und letztlich machte der ruhmreiche HSV das Rennen.

Lange Zeit stand Hönig bei den Rothosen im Schatten von Uwe Seeler, doch sein Aufstieg zum HSV-Dirigenten war unaufhaltsam. Seine Art des Fußballs wurde als intelligent und ein wenig verträumt beschrieben. Die Kritiker meinten: Hönig spielt gescheit, technisch hervorragend und manchmal ein wenig umständlich. Immerhin war Bubi Hönig von 1967 bis 1974 fester Bestandteil des Hamburger SV und übernahm am Ende seiner Bundesliga-Karriere sogar noch für eine Spielzeit die Kapitänsbinde. Mit dem HSV hat Hönig die ganze Welt bereist, doch bis heute nennt Hönig das verlorene Europapokal-Endspiel 1968 gegen den AC Mailand in Rotterdam, wenn er nach dem größten Erlebnis seiner Fußballkarriere befragt wird. Sein Gegenspieler war damals kein Geringerer als Giovanni Trapattoni. Zusammen mit Thomas von Heesen und Uwe Seeler bildet Franz Josef Hönig noch immer das Top-Trio der ewigen HSV-Torschützenliste, wenn man alle Pflichtspiele und Freundschaftsspiele berücksichtigt.

Fünf Jahre lang waren Bubi Hönig und Uwe Seeler Zimmergenossen beim HSV und so war es nur wenig verwunderlich, dass Seeler, inzwischen als Repräsentant des Sportartikelherstellers adidas aktiv, seinem Freund den frei werdenden Posten als Vertriebsleiter im Rhein/Main-Gebiet schmackhaft machte. Trotz eines noch zwei Jahre gültigen Vertrages entließ der HSV Hönig aus dem Kontrakt und ermöglichte dem langjährigen Leistungsträger der Rothosen den reibungslosen Übergang ins Berufsleben. Für Hönig war der Beginn seiner neuen Rolle zugleich mit der Rückkehr in seine hessische Heimat verbunden. „Das war nicht ganz einfach für meine Familie, denn meine Frau Heidi sowie die beiden damals bereits schulpflichtigen Söhne Robin und Christopher waren schließlich drei waschechte Nordlichter“, erzählt Hönig. Doch mit dem Abschied von der großen Fußballbühne – beim SV Wiesbaden ließ Hönig seine Fußballerlaufbahn ausklingen - sowie dem Umzug ins beschauliche und inmitten idyllischer Weinanbaugebiete gelegene Oestrich-Winkel begann ein neues, nicht minder glückliches Kapitel im Leben der Familie Hönig.

Der ehemalige Bundesliga-Spieler erfreut sich noch immer bester Gesundheit. Als überaus erfolgreicher Tennisspieler sowie begeisterter Großvater dreier Mädchen wird dem sehr zufrieden wirkenden Hönig nie langweilig. Und die intensiven Freundschaften zu langjährigen Freunden aus alten Fußballtagen halten die Geschichten aus seiner spannenden Karriere weiter am Leben.

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